Gibt es im Mittleren Kamptal wirklich noch urwaldähnliche Wälder?
Oder wurde hier jeder Quadratmeter früher genutzt und die Wälder sind gar nicht so naturnah, wie von Naturfans behauptet.
Leider gibt es keine Zeitmaschinen, die es erlauben würde, die Kampwälder vor 100, 200 oder 500 Jahren zu sehen. Aber es gibt Luftbilder von Befliegungen ab den 1950-er Jahren.
Und die haben wir uns besorgt - und nachgeschaut.
Historische Luftbilder (Quelle: NÖ Atlas) zeigen, wie die Naturwälder im Mittleren Kamptal im Jahr 1956 ausgesehen haben. Ließen sich bereits 1956, also vor 70 Jahren, an den Kamptalwäldern Merkmale naturnaher Altwälder nachweisen – etwa ein ungleichmäßiges, „körniges" Kronendach mit großen und alten Bäumen – spräche dies stark dafür, dass diese Wälder tatsächlich sehr alt und von "urwaldähnlicher" Qualität sind.
Buchen, wie sie im Mittleren Kamptal dominieren, können in Urwäldern 200-500 Jahre alt werden. Im Wirtschaftswald werden Buchen meist nach 80-120 Jahren geerntet. Das geschieht meist in Form von Kahlhieben, die sich dann wieder zu gleichaltrigen, eher homogenen Beständen entwickeln.
Das heißt: Wenn die Naturwälder auf manchen Hängen des Mittleren Kamptals am Luftbild von 1956 - also vor 70 Jahren - bereits die unregelmäßigen Strukturen ökologisch "reifer" Bestände mit großen Baumkronen aufweisen, dann waren sie schon damals vermutlich deutlich älter als 120-150 Jahre.
Wir haben außerdem alte Luftbilder von wissenschaftlich bestätigten „Urwald“-Flächen im Waldviertel gesucht und diese mit Fotos der Naturwälder im Mittleren Kamptal verglichen.
Das Ergebnis: Die Luftbilder aus dem Jahr 1956 zeigen, dass die Naturwälder im Mittleren Kamptal einer Urwald-Vergleichsfläche sehr ähnlich sind.
Die wissenschaftlich bestätigte Urwaldfläche, die wir als Referenz herangezogen hatten, ist den Naturwäldern im Mittleren Kamptal zwischen Wegscheid und Altenburg hinsichtlich Kronenstruktur oder Baumgröße/-alter sehr ähnlich.
Also sind sie wohl auch hinsichtlich ihrer ökologisch-biologischen Qualität als ähnlich gleichwertig anzusprechen. Dies wird auch durch Funde von Urwaldreliktarten in diesen Wäldern unterstrichen.
Was heißt das nun?
- Die Hangwälder im Mittleren Kamptal, die sich heute als alt und sehr naturnah darstellen, waren schon vor 70 Jahren „Altbestände“ mit urwaldähnlichen Merkmalen: „grobkörnige", unregelmäßige ungleichaltrige Kronenstruktur mit mächtigen Kronen großer Altbäume, liegendes Totholz, keine Indizien für flächige Schlägerungen usw. Die große Ähnlichkeit eines wissenschaftlich beschriebenen Urwaldes im Waldviertel mit den Naturwäldern an den Einhängen im Mittleren Kamptal ist ein deutliches Indiz dafür, dass diese Wälder schon 1956 als sehr naturnah anzusprechen waren.
- Wenn die Hangwälder 1956 „urwaldähnliche“ Erscheinungsformen und Strukturen aufwiesen, dann waren die schon damals kaum oder schon lang nicht mehr genutzt. Das erklärt, warum es in diesen Wäldern „Urwaldreliktarten“ (wie Limoniscus, Osmoderma, "Urwald-Fledermäuse" usw.) gibt. Diese Arten konnten seit der „Urwaldzeit“ - also vor mehreren Jahrhunderten, vor den großen Rodungen im Waldviertel - nur überleben, wenn sie kontinuierlich Habitate vorfanden. In anderen Worten: Teile der Wälder im Kamptal weisen seit der "Urwaldzeit" urwaldähnliche Strukturen und Habitate auf.
- Die Luftbilder zeigen am Rand der Altwaldflächen, in der Nähe von Forststraßen, vereinzelt Baumstrünke. Es wurde da offenbar am Rand der Altwälder Holz genutzt, im Inneren sind keine Fällungen erkennbar.
- Es gab 1956 noch bedeutend größere Naturwaldflächen. Die Altbestände von heute sind nur mehr ein Rest der einstigen Naturwaldaussstattung.
Fazit: Ein Teil der Hangwälder im Mittleren Kamptal hat tatsächlich "Urwaldcharakter" (wie auch im Datenblatt zum Europaschutzgebiet vermerkt) und gehört somit zur ökologisch wertvollsten Kategorie unserer Wälder.
Stockausschlag bei Linden: Eindeutiger Beleg für eine frühere Fällung?
Ein weiteres Streitthema ist, ob die in den Kamptal-Naturwäldern vorkommenden mehrstämmigen Linden ein eindeutiger Beweis für frühere Nutzungen sind - in Form von Stockausschlag aus dem Stamm einst gefällter Linden.
Dazu sagt die wissenschaftliche Literatur: Mehrstämmigkeit bei der Linde ist durchaus ein natürliches, artspezifisches Wuchsmerkmal (Rotherham 2025), das durch mehrere unabhängig wirkende natürliche Mechanismen entsteht – Wurzelhals-Verzweigung, Wurzelbrut, Wiederaustrieb nach Windwurf (Barker et al. 2022) – und das in unbewirtschafteten, geschützten Wäldern genetisch nachweisbar in signifikantem Umfang vorkommt (Verbylaitė et al. 2026). Das forstliche Portal "Waldwissen" erklärt: "Die generative Verjüngung fällt der Winterlinde im Vergleich zur vegetativen Verjüngung schwer. Obwohl sie reichlich fruktifiziert, hat sie einen oftmals nur geringen Verjüngungserfolg."
Der generelle Schluss "mehrstämmige Linde → Baum wurde schon mal gefällt → kein Naturwald" ist somit fachlich nicht haltbar, sofern nicht zusätzlich nachgewiesen wird, dass es eindeutige morphologische oder dendrochronologische (Erforschung der Baumgeschichte über Jahresringe) Merkmale für eine frühere Fällung gibt. Die alten Luftbilder aus dem Kamptal darauf aber hin, dass es in den Altbeständen seit sehr langer Zeit, möglicherweise seit mehr als 150 Jahren, keine flächige Nutzung mehr gegeben haben dürfte.
Mehrstämmige Linden sind auch in wissenschaftlich als solchen beschriebenen "Urwäldern" / Urwaldresten in Mitteleuropa präsent: als "vegetative Verjüngung" infolge extremer Standortbedingungen (etwa auf Felsen oder Blockhalden) und / oder widriger Umwelteinflüsse wie Sturmbruch, Steinschlag, instabile Böden auf Steilhängen oder Blockfluren.
"Natürliche Stockausschläge der Linden und anderer Baumarten sind ein klassisches Charakteristikum in naturnahen Edellaubholz-Blockschuttwäldern. Tilia ist damit speziell angepasst an die besonderen Standortverhältnisse mit beweglichem Untergrund und Steinschlag. In den Urwald-Reliktinseln der Edersee-Steilhänge ist das Phänomen weit verbreitet," erklärt Dipl. Biol. Achim Frede, Abteilungsleiter Naturschutz im Nationalpark Kellerwald-Edersee (Deutschland) auf Anfrage.
"In den urigen Wäldern der Region Kellerwald-Edersee spielen Sonderstrukturen und ungewöhnliche Wuchsformen von Bäumen eine herausragende Rolle. Sie liegen in einem eigentümlichen Faktorenmix begründet: Viele der Standorte sind seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten oder gar niemals genutzt worden. Bei entsprechend hohem Alter haben sich die Baumindividuen von Anfang an an schwierige Standortextreme aus Steilheit, Flachgründigkeit, Nährstoffarmut oder Trockenheit anpassen müssen und dabei außergewöhnliche Resistenzen gegen Steinschlag, Wipfeldürre u.a. Einflüsse entwickelt. Die Hauptkraft liegt in einem mächtigen Wurzelsystem und der Stammbasis sowie offenkundig robusten Regenerationsgeweben. Dies ermöglicht immer wieder eine, wenn auch langsame Regeneration ganzer Haupttriebe und Kronenteile sogar bei gravierenden Beschädigungen oder altersbedingtem Absterben." (FREDE, A., 2009)
Die Präsenz von mehrstämmigen Linden mit "vegetativer Verjüngung" im "Urwald Dobra" (Kamptal / Waldviertel) oder in ökologisch ähnlichen Urwaldrelikten im Nationalpark Kellerwald-Edersee in Deutschland belegen eindeutig, dass mehrstämmige Linden (auch) ein natürliches Phänomen sind (siehe Fotos rechts unten).
Warum sprechen wir über diese Themen?
Es wird anhaltend wieder darüber diskutiert, ob es bei uns noch so etwas wie „primäre Wildnis” oder „Urwälder” gibt, also Flächen, die noch nie oder nur sehr wenig genutzt wurden.
Einige Menschen sind der Meinung, dass alle Wälder in Mitteleuropa seit Jahrhunderten intensiv genutzt werden und es bei uns keine Urwälder mehr gibt. Daher gebe es auch keinen Grund, Wälder zu bewahren und einer freien Entwicklung zu überlassen.
In einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten wird zwischen „Urwäldern” und „urwaldähnlichen Altwäldern” kein Unterschied gemacht, da beide Kategorien bedeutende biologische Refugien für kritisch bedrohte Arten darstellen und diese seltenen Ökosysteme einen Wert für sich haben: Hier ist das volle Spektrum des evolutionär entstandenen Netzwerks an Lebensformen und ihrer Wechselbeziehungen noch weitgehend vorhanden.
Im Grunde genommen ist dieser Diskurs – echter "Urwald" oder "Altwald" – nicht zielführend.
Was viel bedeutender ist, als Gewissheit der Nutzungsfreiheit, ist die Ausstattung mit "seltenen "Urwald"-Arten, die Naturnähe von Baumarten, Vielfalt und Waldstruktur sowie die „Integrität“ der natürlichen Ökosysteme. Die EU-Biodiversitätsstategie 2030 verfolgt das Ziel, sowohl Urwälder als auch "Altwälder" ("old growth forests") umfassend zu erfassen und zu erhalten. Der Handlungsleitfaden für das Europaschutzgebiet Kamp- und Kremstal der Niederösterreichischen Landesregierung empfiehlt den "prinzipiellen Erhalt alter Bestände über Waldumweltprogramme".
Ähnlich auch das renommierte "European Forest Institute" drängt auf Kartierung und strikten Schutz von Ur- und Altwäldern sowie die Vermeidung der "Degradierung" sehr naturnaher Bestände.
Fazit: Wenn ein Ökosystem heute noch sehr naturnah und artenreich ist und eine Entnahme von Ressourcen wie Holz diesen biologischen Reichtum und seine Stabilität stören oder gar zerstören würde, dann ist es sinnvoll, diese letzten kleinen Reste ungestört zu erhalten. Diese letzten paar Prozent an Lebensraum den anderen Lebewesen zu überlassen, die ebenfalls Teil der göttlichen Schöpfung sind, wäre ein wichtiger Schritt zur Bewahrung unseres Naturerbes. Grundbesitzende sind für den Nutzungsentgang fair zu entschädigen, weil sie mit der Erhaltung von Prozessschutzflächen einen wertvollen Dienst für die Gesellschaft leisten.
Die Bewahrung der letzten Reste ursprünglicher Ökosysteme bedeutet keine Geringschätzung von Kulturlandschaften und deren Bewirtschaftung.
Im Gegenteil: Gerade das Waldviertel beherbergt noch wunderschöne Kulturlandschaften, die seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden und einen hohen Artenreichtum, etwa an „Offenland”-Arten, aufweisen. Die Streifenfluren und Terrassenlandschaften des Waldviertels gelten als einzigartig in Mitteleuropa.







