Offene Fragen

Wie sicher sind die Naturschätze im Mittleren Kamptal & Co.?

Warum braucht es einen umfassenden "Nationalpark Kamptal"? 

Das Europaschutzgebiet "Kamp- und Kremstal" war im Jahr 1998 von der NÖ Landesregierung eingerichtet worden, um (u.a.) "großflächige und naturnahe Wälder mit hohem Laubwaldanteil", "großflächige, standortheimische Waldbestände (...) mit naturnaher bzw. natürlicher Alterszusammensetzung und einem charakteristischen Strukturreichtum sowie Totholzanteil" oder "alte, totholzreiche Laubbaumbestände" zu erhalten. Laut offiziellem Datenblatt haben die Wälder im Gebiet "an steilen Standorten Urwaldcharakter".

Da es in Österreich und dem überwiegenden Rest Europas kaum mehr Urwälder gibt, bedeutet das: die Hangwälder im Kamp- und Kremstal sind teilweise von außerordentlich hohem ökologischen Wert. 

Der Managementplan für das Europaschutzgebiet Kamp- und Kremstal ist jedoch vage und nennt keine ausreichend konkreten, genau verorteten Schutzbestimmungen und unklare Managementbestimmungen. Sukzessive Abholzungen in raren Wäldern mit "Urwaldcharakter" im Mittleren Kamptal waren die Folge dieser Unklarheiten. Einige der wertvollsten Restbestände wurden gefällt - und somit für Jahrhunderte zerstört. 

Das zeigt: Das bestehende Europaschutzgebiet ist derzeit nicht in der Lage, den umfassenden Schutz dieses wichtigen Naturerbes zu gewährleisten.

Ein Grund dafür sind auch fehlende Budgetmittel. Die Landesmittel für Schutzgebiete in Niederösterreich (Naturschutzgebiete, Europaschutzgebiete, Nationalparks) betragen weniger als 10 Mio Euro / Jahr, das sind ca. 0,15 % des Gesamtbudgets. 

Um eine Lösung für alle Beteiligten und für die Natur zu erzielen, braucht es ausreichende öffentliche Mittel . Die Sicherung der natürlichen Ökosysteme ist "systemrelevant" und braucht deutlich mehr Zuwendungen. Nur so kann es gelingen, auch die Grundbesitzenden mit ins Boot zu holen und berechtigte Forderungen nach Abgeltungen für den Nutzungsentgang zu erfüllen. 

Im Kamptal bei Altenburg: Das Stift betreibt ein naturnahes Waldmanagement, naturnahe Hangwälder werden als "Referenzflächen" freiwillig bewahrt ...

 

Verwunschene "Kamptalwildnis": Eine Oase der Schönheit und Ursprünglichkeit. 

Was unterscheidet den Nationalpark „Kampwald“ vom Nationalpark „Kamptal“? 

Fangen wir ganz vorne an: Die Niederösterreichische Landesregierung hat 2024 eine sehr begrüßenswerte Initiative für die Schaffung eines Nationalparks „Kampwald“ im Waldviertel gestartet. Dieser soll nach den Plänen des Landes vor allem im Bereich des Dobra Stausees und des Forstgutes Ottenstein realisiert werden. Dieses Gebiet befindet sich einige Kilometer flussaufwärts des „wilden“ Mittleren Kamptals. 

Dieser von der NÖ Landesregierung propagierte Nationalpark „Kampwald“ soll hauptsächlich auf Flächen der „Windhagschen Stipendienstiftung“ errichtet werden, die wiederum dem Land Niederösterreich nahesteht.

Die für den Nationalpark vorgesehenen Flächen sind, abgesehen von einigen kleineren Hangwäldern, jedoch aktuell stark von Forstwirtschaft geprägt. Sie sollen daher auf längere Sicht renaturiert und wieder mit Biodiversität angereichert werden.
Das ist gut so. 

Allerdings werden die ökologisch weitaus bedeutenderen Natur- und Kulturlandschaften im Mittleren und Unteren Kamptal derzeit nicht in die "offizielle" Planungen mit einbezogen … Die NÖ Landesregierung begründete dies bisher damit, dass die Flächen der landesnahen Stiftung leichter zu akquirieren sind als Wälder im Privatbesitz. Die Einbeziehung das Mittleren Kamptal flussabwärts von Wegscheid würde das Vorhaben daher komplizierter und teurer machen.

Das mag ja zutreffen.

Aber: Ein Nationalpark ist die höchste Schutzgebietskategorie (neben Wildnisgebiet und UNESCO-Welterbe).
Daher sollten unsere Nationalparks auch die wertvollsten heimischen Naturerbeflächen bewahren.

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN, die die weltweit geltenden Richtlinien für Nationalparks und andere Schutzgebietskategorien herausgibt, definiert "Nationalpark" (IUCN Kategorie II) so:

"Große natürliche oder naturnahen Gebiete, die großräumige ökologische Prozesse mit charakteristischen Arten und Ökosystemen schützen und gleichzeitig umwelt- und kulturverträgliche spirituelle, wissenschaftliche, pädagogische, Erholungs- und Besuchsmöglichkeiten bieten." (...)
"Gebiete der Kategorie II sind in der Regel groß und bewahren ein funktionierendes 'Ökosystem', obwohl zu diesem Zweck möglicherweise ergänzende Maßnahmen zum schonenden Umgang mit der Umwelt in den umliegenden Gebieten erforderlich sind. (...) Das Gebiet sollte eine ausreichende Größe und ökologische Qualität aufweisen, um ökologische Funktionen und Prozesse aufrechtzuerhalten, die es den einheimischen Arten und Gemeinschaften ermöglichen, langfristig mit minimalen Eingriffen zu bestehen. Die Zusammensetzung, Struktur und Funktion der biologischen Vielfalt sollte weitgehend in einem 'natürlichen' Zustand sein oder das Potenzial haben, in einen solchen Zustand zurückversetzt zu werden, wobei das Risiko einer erfolgreichen Invasion durch nicht heimische Arten relativ gering sein sollte."

Die Planung eines Nationalparks kann somit nur auf Basis wissenschaftlicher Befunde über den naturschutzfachlichen Wert der Ökosysteme in der betreffenden Region erfolgen. 

Das NÖ Nationalparkgesetz sieht vor, dass diese IUCN-Richtlinien für Nationalparks zu erfüllen sind.
Bisher war es in Österreich Usus, dass Nationalparks zu jeweils 50% von Bund und dem jeweiligen Bundesland finanziert werden.
Der Bund hat seinen 50%-igen Finanzierungsbeitrag aber bisher stets an ein positives Gutachten seitens der IUCN gebunden. 

Ein Nationalpark, der sich vor allem auf überwiegend wenig bis nicht naturnahe Flächen beschränkt (wie der Großteil der Windhag-Flächen) und die ökologisch höchstwertigen Bereiche in der unmittelbaren Nachbarschaft (wie im Mittleren Kamptal) außen vor läßt, würde den IUCN-Richtlinien wohl nicht ausreichend entsprechen.
Es besteht also die Gefahr, dass der neue Nationalpark in NÖ bei der Begutachtung durch die IUCN durchfällt.

Fazit: Wir wollen dazu beitragen, dass im Waldviertel ein neue Nationalpark geschaffen wird. Daher unterstützen wir den Plan der NÖ Landesregierung, einen Nationalpark im Kamptal einzurichten. Dieser kann aber nur realisiert werden, wenn die internationalen Kriterien erfüllen sind. Diese internationale IUCN-"Anerkennung" wird voraussichtlich nur mit Einbeziehung des Mittleren Kamptals gelingen, weil sich hier die naturschutzfachlich wertvollsten Flächen befinden.

Die Nationalpark-Initiative in NÖ sollte daher auch dazu genutzt werden, um eine Gesamtlösung für die Sicherung aller hochwertigen Naturflächen  im Gebiet zu verwirklichen.

Und: Um 2015 gab es im Waldviertel bereits eine Diskussion über einen möglichen ‚UNESCO Biosphärenpark Waldviertel‘. Ein Biosphärenpark hat das Ziel eine "Modellregion für nachhaltige Entwicklung" zu entwickeln und verlangt weit weniger strikte Naturschutzleistungen wie ein Nationalpark: Statt 75% "Naturzone" ohne Eingriffe wie beim Nationalpark muss in einem UNESCO Biosphärenpark nur 5% der Fläche als Kernzone strikt bewahrt werden. Auf der restlichen Fläche kann wirtschaftliche Nutzung ohne weitere Einschränkungen stattfinden bzw. ökologisch nachhaltige Bewirtschaftung gefördert werden. Wirtschaftstreibende im Waldviertel befürworten diese Idee. 

Der Diskussionsraum für einen möglichen ‚UNESCO Biosphärenpark Waldviertel‘ könnte diesen Gebietsverband umfassen: Unteres/Mittleres/Oberes Kamptal, Teile des TÜPL Allentsteig, Waldviertler Hochland mit den Mooren bei Altmelon und Karlstift, die Lainsitz und die Moor- und Teichlandschaft im Raum Gmünd/Schrems/Litschau. Diese Idee wurde damals aber bedauerlicherweise damals nicht weiter verfolgt. 

Die aktuelle Planung eines neuen Nationalparks im Bereich Kamptalstauseen/ Mittleres Kamptal würde also auch Optionen für eine größere Lösung im Waldviertel eröffnen. Ein Nationalpark im Bereich Kamptalstauseen und Mittleres Kamptal könnte auch als Fundament für einen "darüber gelegten" größeren Biosphärenpark-Komplex fungieren: Die Naturzonen des Nationalparks und die bestehenden (strengen) Naturschutzgebiete im Waldviertel könnten als Kernzonen eines Biosphärenparks integriert werden. Daher wären rechnerisch keine weiteren strengen Schutzgebiete notwendig, um die Naturschutz-Kriterien der UNESCO für einen Biosphärenpark im Waldviertel zu erfüllen, die die ganze Region deutlich aufwerten würde. 

Das würde es ermöglichen, auch die Themen Moore, Teiche, und die einzigartige, artenreiche Kulturlandschaft des Waldviertels anzusprechen, das Bewusstsein für diese Schutzgüter im Waldviertel zu fördern und den Chancen bieten für freiwillige und geförderte Maßnahmen, wie etwa zur Landschaftspflege. Eine derartige Lösung würde auch Synergien mit Naturschutzinitiative “Grünes Band Europa” und dem unmittelbar angrenzenden Biosphärenreservat "Trebon Basin" in Tschechien eröffnen. Alle Maßnahmen im Rahmen eines möglichen Biosphärenparks müssen gemäß der Vorgaben der UNESCO freiwillig und auf Basis von guter Kooperation erfolgen! 

 

 

Das naturnahe Thayatal bei Hardegg ist seit dem Jahr 2000 als Nationalpark geschützt – nicht zuletzt dank des Einsatzes von Alt-Landeshauptmann Erwin Pröll.
Nationalparks tragen auch zur Regionalentwicklung bei - durch Naturtourismus oder durch eine Regionsmarke "Nationalpark" - die die Vermarktung von Produkten aus regionalen Produkten unterstützt.
Im Bereich des Dobrabachtals (Forstgut Ottenstein / Windhagsche Stipendienstiftung) wird durch die NÖ Landesregierung ein Naturschutzgebiet als erster Schritt zu einem zukünftigen Nationalpark "Kampwald" eingerichtet. Das Gebiet ist aktuell durch langjährige forstliche Nutzung geprägt.  
Auch das Kremstal ist reich an ökologisch wertvollen Hangwäldern, die viele Arten beherbergen, die im restlichen Österreich nahezu ausgestorben sind. Ein großer Teil der Naturwälder wird dankenswerterweise freiwillig bewahrt (Bundesforste). Ein langfristiger, verbindlicher Schutz wäre aber wünschenswert.
Sonnenaufgang über dem Stiftswald Altenburg, Mittleres Kamptal