Wälder mit Urwaldcharakter im Mittleren Kamptal und im Kremstal?
Flussaufwärts von Rosenburg fließt der Kamp durch eine besonders anmutige, urtümliche und wenig erschlossene Tallandschaft. Das Kamptal ist hier tief in die umgebende Hochfläche eingeschnitten.
Wilde Felsformationen und schmale Auen säumen das rauschende Forellengewässer. Das mittlere Kamptal hat einen außerordentlichen Naturwert, hier finden sogar seltene Arten wie Seeadler, Uhu, Schwarzstorch, Wasseramsel, Eisvogel, Urwald-Fledermäuse, Alpenbock, Scharlachkäfer und "Eremit" (Juchtenkäfer), Würfelnatter und viele andere seltene und geschützte Arten einen ungestörten Lebensraum.
Die Hänge der Talmäander sind auf mehreren Hundert Hektar mit sehr naturnahen, teils urwaldartigen Wäldern bewachsen. Das ist einzigartig in Österreich, und stellt einen national bedeutsamen Naturschatz dar.
Auch im Kremstal finden sich steile Hangwälder mit uralten Waldgesellschaften, etwa im Bereich des "Zwickels" oder im Abschnitt bei Senftenberg. Wissenschaftliche Untersuchungen durch Coop Natura und die Österreichischen Bundesforste haben in den alten, seit langer Zeit nicht bewirtschafteten Wäldern im Kremstal (Schutzwälder, Naturwaldreservat) außergewöhnlich viele "Urwald-Reliktarten" aufgespürt. Ähnliche Erhebungen haben auch in den Wäldern des Stiftes Altenburg (v.a. im Kamptal) eine außergewöhnliche Dichte an streng geschützten Arten erbracht, die eingriffsfreie Naturwälder als Lebensraum benötigen.
Ursprüngliche Wälder mit dieser hohen ökologischen Qualität gibt es in Österreich, ja in ganz Mitteleuropa, kaum noch. Daher sollten sie – im Einklang mit den internationalen / EU-rechtlichen Verpflichtungen – umfassend und eingriffsfrei erhalten werden.
Dies sollte in Kooperation mit den Eigentümern erfolgen, die für den Nutzungsentgang natürlich fair entschädigt werden müssen.
Ein Teil der Naturwaldflächen wird von den Waldbesitzern bereits freiwillig bewahrt. Das ist vorbildlich und begrüßenswert!
Andere urwaldähnliche Wälder wurden jedoch – obwohl sie in einem Europaschutzgebiet liegen – in den letzten Jahren dezimiert. Hier braucht es dringend einen Lösung, bevor noch mehr dieser unersetzlichen Wälder verloren gehen ...


Die urwaldähnlichen Hangwälder im Mittleren Kamptal und im Kremstal zählen zu den wertvollsten Naturparadiesen unserer Heimat.

In den letzten Jahren kam es wiederholt zu „zizerlweisen” Schlägerungen in uralten Buchen- und Lindenwäldern im Mittleren Kamptal. Die zuständigen Behörden setzten bis dato keine ausreichenden Maßnahmen, um die Verluste dieser äußerst wertvollen Waldbestände zu unterbinden. Daher kam es zu juristischen Auseinandersetzungen. Die Verfahren dauern an (Stand: Herbst 2025).
Die Zukunft dieser besonderen Naturwälder ist somit unsicher.
Als die niederösterreichische Landesregierung im Frühjahr 2024 bekannt gab, einen Nationalpark „Kampwald” im Waldviertel schaffen zu wollen, nährte das die Hoffnung, dass dies auch eine Lösungsperspektive für das wilde Kamptal zwischen Wegscheid und Rosenburg bieten könnte.
Bisher hat sich die Planung des neuen Nationalparks auf die Wälder rund um die Stauseen Dobra und Ottenstein bzw. im Kamptal oberhalb von Krumau am Kamp konzentriert – vor allem auf Flächen der Windhagschen Stiftung (Forstgut Ottenstein) und einer privaten Forstverwaltung.
Um die internationale Anerkennung des Nationalparks sicher zu stellen und eine Lösung für die Bewahrung der hochwertigen Naturwälder im Mittleren Kamptal zu erreichen, bemüht sich unsere "Plattform" darum, die "Perspektive" in den Gesprächen mit den Stellen des Landes NÖ in Richtung der Naturwälder zwischen Wegscheid und Rosenburg zu erweitern.
Wir hoffen sehr, dass es gelingt, einen ehrlichen und wertschätzenden Dialog mit den Grundbesitzern im Bereich Mittleres Kamptal in Gang zu bringen und eine gemeinsame "Winwin"-Lösung für Menschen und Natur zustande zu erreichen.
Warum sollten wir unsere letzten Naturwälder ungestört wachsen lassen - und ihre "Ökosystemfunktionen" statt das Holz zu nutzen?
Mitunter taucht in Diskussionen die Behauptung auf, dass eine "nachhaltige" Waldbewirtschaftung - etwa mit dem Belassen von einzelnen „Habitatbäumen“ (alten Bäumen) auf den Schlagflächen und natürliche Waldverjüngung - völlig ausreichend ist, um Artenvielfalt und Ökosystem-Stabilität im Wald zu erhalten. Aber stimmt das? Brauchen wir eingriffsfreie Naturschutzflächen im Wald überhaupt? Und warum? Wir haben nachgeforscht...
Die Wissenschaft, insbesondere viele Studien auf dem Gebiet der Waldökologie, fordert, dass unsere letzten verbliebenen „wilden” Waldökosysteme umfassende und eingriffsfreie Schutzgebiete benötigen, um ihre besonderen ökologischen Werte zu bewahren:
- Der Artenreichtum im Wald ist in "ökologisch reifen" und eingriffsfreien Natur- und Urwäldern mit alten Bäumen und Totholz am größten, weil es hier Lebensraum und Nahrung gibt - für Insekten, Vögel, Fledermäuse, Pilze, Flechten usw. Wirtschaftswälder werden schon nach 80-120 Jahren umgesägt, ergo gibt es kaum Altbäume und Totholz. Natur- und Urwälder hingegen sind extrem selten geworden in der EU. Daher fordert die Wissenschaft ihren umfassenden Schutz. Und die EU-Staaten haben beschlossen, dass sie kartieren und zu bewahren sind.
- Naturwälder sind ökologisch stabiler und widerstandsfähiger als die oft gleichaltrigen, monotonen Wirtschaftsforste. Sie sichern daher auch wichtige Ökosystemfunktionen für uns alle - wie Wasserspeicherung und -reinigung, Hochwasserschutz, Landschaftskühlung, Bodenschutz, Kohlenstoffspeicherung, Erholung usw. Und sie beherbergen letzte Lebensräume für viele nahezu von uns Menschen eliminierte Arten. Um das volle Spektrum der ökologischen Prozesse und Arten auch weiterhin zu bewahren, brauchen Natur- und Urwälder einen sicheren Schutz vor Störungen.
- Jede Abholzung in Natur- und Urwäldern mit sehr alten Bäumen birgt das Risiko, dass auch Bäume gefällt werden, die von streng geschützten Arten besiedelt sind. Werden diese Lebensraum-Bäume durch Fällen zerstört, sterben auch die darauf lebenden Individuen.
Durch das Fällen eines Habitatbaums kann es sogar zum lokalen Erlöschen einer seltenen Tierpopulation kommen. Für streng geschützte Arten gilt ein EU-rechtliches Tötungsverbot.
- Wenn auf einer abgeholzten Fläche nur einige wenige, alte Habitatbäume stehen gelassen werden, droht ein zeitverzögertes, lokales „Aussterben“ streng geschützter Tierarten. Warum? Wenn diese letzten „Überlebenden“ des alten Baumbestandes eines Tages absterben und umstürzen um, gibt es keinen Lebensraum mehr für all die alt- und totholzbewohnende Arten auf dieser Fläche. Im Jungwald finden diese Arten nämlich keine Brut- und Nistbäume mehr...
- Flächige Abholzungen wie Kahlhiebe oder Schirmschläge führen immer zu einer vermehrten Sonneneinstrahlung und Erhitzung der betroffenen Waldfläche - weil die Beschattung durch große Bäume nicht mehr gegeben ist bzw. Löcher bekommen hat.
Infolgedessen heizt sich das Gebiet zusätzlich auf und trocknet aus. Daher spricht man auch von "Heißschlägen". Im erwärmten Waldboden wird vermehrt Humus abgebaut und große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid entweichen in die Atmosphäre.
Auch Waldschutzgebiete leiden unter der Austrocknung, wenn Wälder nebenan geschlägert und die Hitze eindringen kann.
Der Verlust der Beschattung ist besonders in Zeiten einer globalen Klimaerhitzung bedenklich: Auf Heißschlägen kann die Wiederbewaldung ausbleiben und es zu einem Biomwechsel zu Steppen kommen. Ohne den Wasserspeicher Wald droht aber Wassermangel - auch für Landwirtschaft und Siedlungen usw..


- Die Waldbewirtschaftung geht immer mit Fällung und Entnahme von Bäumen und Auflichtung geschlossener Waldbestände einher. Altbäume werden dadurch sukzessive weniger. Der nachwachsende Wald braucht aber Jahrhunderte, um wieder "Altholz" mit einer ähnlichen ökologischen Qualität und Artendichte zu erreichen wie ein Naturwald. Daher ist es sinnvoll, unsere letzten totholzreichen Altbestände umfassend zu bewahren. Arten, die auf alte bzw. abgestorbene Baumriesen angewiesen sind, brauchen sie als Zufluchtsorte.
Mit der Europäischen Biodiversitätsstrategie 2030 haben alle EU-Staaten auch das Ziel des strikten Schutzes aller noch verbliebenen Ur- und Naturwälder in der EU beschlossen.
- Ur- und Naturwälder gibt es in der EU nur mehr auf kleinen Restflächen: Schätzungen liegen um 1,5 - 3 Prozent der gesamten Waldfläche. Offizielle Daten für Österreich gibt es nicht. Mit den (nicht genutzten) Schutzwäldern in den Alpen, die oft sehr naturnah sind, dürfte der Anteil etwas höher liegen. Tatsache ist: 90-95% der Wälder entsprechen nicht dieser sehr naturnahen Kategorie und niemand verlangt, all diese Wälder nicht mehr zu nutzen. Wenn wir die letzten Ur- und Naturwälder weiterhin störungsfrei erhalten, bedeutet das also keine fundamentale Einschränkung der Forstwirtschaft. Im Gegenteil: Wenn Waldbesitzer ökologisch wertvolle Altbestände nicht fällen, müssen sie für den Nutzungsentgang entschädigt werden. Und das trägt zu ihrem Einkommen bei. In Zeiten einer globalen Natur- und Klimakrise braucht es ohnehin dringend eine ein angemesseneres Budget zur Sicherung unserer fundamentalen Ökosysteme und ihrer Funktionen. Naturschutzbudgets fristen immer noch ein "Hobby"-Dasein. Dieser Zustand ist unhaltbar.
- Auch Wirtschaftsforste profitieren von intakten Naturwäldern und „Altholzinseln”. Diese helfen dabei, die Artenvielfalt in die ökologisch verarmten Monokulturen und „Holzäcker” zurückzubringen.
- Die Bäume in jahrhundertelang natürlich gewachsenen Wäldern weisen einen optimierten genetischen Pool auf. Im Lauf der Jahrhunderte haben diese Wälder "gelernt" mit krisenhaften Situationen wie Hitze / Dürre, Windwürfen oder Borkenkäfer-Kalamitäten umzugehen. Die Abkömmlinge (Samen) dieser alten Wälder können dabei helfen, nach Forst-Zusammenbrüchen neue, ökologisch stabilere Waldbestände zu begründen.
