Erste Karte der Naturwald-Verdachtsflächen in Österreich erstellt

Dringend schutzbedürftiger, urwaldähnlicher Schluchtwald im Waldviertel.
Dringend schutzbedürftiger, urwaldähnlicher Schluchtwald im Waldviertel.

GLOBAL 2000 hat erstmals eine österreichweite Karte der potenziellen Naturwälder in Österreich veröffentlicht. Die Analyse zeigt, dass naturnahe Wälder trotz einer Waldbedeckung von fast der Hälfte des Landes schon sehr selten sind. Die neue Karte liefert einen Überblick über potenziell schützenswerte Naturwald-Verdachtsflächen und soll die Grundlage für einen besseren Schutz dieser Flächen schaffen.
Die Naturwälder im Kamp- und Kremstal haben dabei im außeralpinen Österreich eine herausragende Bedeutung …

Österreich ist fast zur Hälfte von Wäldern bedeckt. Wie viele echte Naturwälder es tatsächlich noch gibt und wo sie sich befinden, ist bislang jedoch weitgehend unklar. Aktuelle und umfassende öffentliche Daten über Standorte und Zustand der Naturwälder fehlen, obwohl Bund und Länder diese auf Grund von EU-Beschlüssen, die Österreich mitgetragen hat, erheben müsste. Im Rahmen des einstimmig beschlossenen „Green Deals“ verfolgt die EU das Ziel, alle Ur- und Naturwälder zu finden, zu kartieren und strikt zu schützen. 

Angesichts der Klimakrise und fortschreitenden Abholzungen in Naturwäldern ist GLOBAL 2000 freiwillig in Vorleistung gegangen und hat eine Karte der potenziellen Naturwälder erstellen lassen.

Die Ergebnisse:

Die neue Naturwaldkarte weist insgesamt 2.706,7 km² Naturwald-Verdachtsflächen aus. Das entspricht rund 6,9 Prozent der gesamten Waldfläche Österreichs.

  • Burgenland: 4,2 km² Naturwald-Verdachtsflächen (0,3 % der Waldfläche)
  • Kärnten: 340,7 km² (6,1 %)
  • Niederösterreich: 203,0 km² (2,6 %)
  • Oberösterreich: 302,7 km² (6,1 %)
  • Salzburg: 420,8 km² (12,2 %)
  • Steiermark: 562,5 km² (5,6 %)
  • Tirol: 734,3 km² (14,2 %)
  • Vorarlberg: 129,4 km² (13,3 %)
  • Wien: 9,1 km² (10,9 %)

Die größten Flächen befinden sich in Tirol, der SteiermarkSalzburg und Kärnten – also im alpinen Bereich.

Die meisten Naturwald-Verdachtsflächen finden sich im Gebirge: Nutzung war hier schwieriger. Viele werden als „Schutzwälder“ nicht bewirtschaftet. 
Warum sind unsere Naturwälder so schützenswert?

„Naturwälder sind gewaltige Kohlenstoffsenken, beschützen uns bei Starkregen und Hochwasser, sorgen für kühlere Temperaturen, kommen viel besser mit Sturm und Schädlingen wie dem Borkenkäfer zurecht und sind ein Paradies für die Artenvielfalt, die ohnehin arg in Bedrängnis ist. Es ist daher unerlässlich, dass wir sie, jetzt da es erstmals eine österreichweite Karte gibt, unter Schutz stellen,“ erklärt Dominik Linhart, Biodiversitätsexperte von GLOBAL 2000.

Wie wurde die Karte erstellt?

Für die Verdachtsflächen-Kartierung hat Waldexperte Matthias Schickhofer über mehrere Jahre österreichweit Daten anhand von Gebietskenntnissen, Luft- und Satellitenbildern sowie öffentlichen Geodaten (GIS) zusammengetragen. Als Referenz dienten wissenschaftlich bestätigte Ur- und Naturwälder in Nationalparks und Naturwaldreservaten. Anschließend wurden Orthofotos hinsichtlich Kronenstruktur, Baumdichte und Baumarten-Zusammensetzung ausgewertet.
„Naturnahe Wälder finden sich meist auf Steilhängen, im Gebirge, in unbewirtschafteten Schutzwäldern oder auf felsigem Terrain – also in Lagen, die eine intensive Nutzung erschweren. Im Flach- und Hügelland sind sie bereits sehr selten – und daher umso schutzbedürftiger“, betont Schickhofer.

Statistischer Erstcheck durch die TU Wien  

Darauf aufbauend hat Anna Iglseder vom Department für Geodäsie und Geoinformation der TU Wien die Verdachtsflächen-Kartierung mit statistischen Methoden auf ihre Plausibilität geprüft. „Besonders typische Eigenschaften für Standorte von naturnahen Wäldern sind die Entfernung zur Straße, eine komplexe Struktur der Baumkronen und steile Hanglagen. Auf dieser Basis wurde ein Score erstellt, der einen Hinweis auf die Naturnähe gibt. Er zeigt, wo Waldflächen ähnliche Merkmale aufweisen wie bereits bekannte naturnahe Wälder. Die von Matthias Schickhofer ausgewiesenen Flächen erreichen dabei im Durchschnitt deutlich höhere Werte als andere Waldflächen. Das ist ein klarer Beleg dafür, dass dort Eigenschaften, die auf Naturnähe hinweisen, deutlich stärker ausgeprägt sind”; berichtet Iglseder.

Im Nationalpark Thayatal werden die Naturwälder bereits dauerhaft bewahrt, im benachbarten mittleren Kamptal ist ihre Zukunft hingegen ungewiß.
Vorgaben für den Naturwaldschutz 

GLOBAL 2000 hat die Ergebnisse der Kartierung bereits (u.a.) dem Umweltministerium und den Bundesländern angeboten – mit der Erwartung, dass die Daten berücksichtigt werden und den Hinweisen auf Naturwälder ernsthaft nachgegangen wird. Denn schon jetzt ist Österreich laut geltender Rechtslage verpflichtet, Naturwälder wirksam zu schützen

Laut der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur müssen die EU-Mitgliedstaaten rechtsverbindlich Pläne und Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ökosystemen erstellen. Für Waldökosysteme sind verbindliche Indikatoren vorgegeben, bei denen bis 2030 ein positiver Trend nachzuweisen ist. Dazu zählen: stehendes und liegendes Totholz, Anteil ungleichaltriger Wälder, Waldkonnektivität, organischer Kohlenstoffvorrat, Anteil heimischer Baumarten sowie Baumartenvielfalt.
Das Fortbestehen und die Bewahrung von noch vorhandenen Naturwaldflächen als Garanten dieser Kriterien ist für die Zielerreichung unerlässlich. Weitere Verluste jener Flächen, die schon jetzt all die geforderten Kriterien erfüllen, würden der Umsetzung des Gesetzes zuwiderlaufen.

Bayern, Slowakei oder Schweiz machen es vor…

Der Schutz der letzten Naturwälder bzw. mehr Waldnaturschutz ist somit keine „radikale“ Forderung. In Nachbarstaaten ist dies sogar längst konsensfähig und bereits in einem hohen Ausmaß umgesetzt:

  • Der Freistaat Bayern zum Beispiel hat ganze 83.000 Hektar an geschützten „Naturwäldern“ (überwiegend im Staatswald) ausgewiesen. Hier wird dauerhaft kein Holz mehr eingeschlagen, die Wälder können über die offizielle Online-Karte des Ministeriums gefunden und auf den markierten Wanderwegen erlebt werden und die Flächen werden aber weiterhin (nicht wirtschaftlich)bejagt, um den Wildverbiss im Zaum zu halten …
  • Die Schweiz hat bereits mehr als 7,8% (104‘611 Hektar) der Waldfläche (2024) als Waldreservate geschützt. Dabei handelt es sich um „auf Dauer angelegte Vorrangflächen für die ökologische und biologische Vielfalt im Wald“. Fast 60% davon (50’659 Hektar) sind als Naturwald ausgewiesen, wo keine Holznutzung mehr erfolgt.
    Bis 2023 sollen 10% der Schweizer Waldfläche als Waldreservate geschützt sein. 
    Die Waldreservate können auf einer öffentlichen Karte eingesehen werden. 
  • In der Slowakei wiederum haben die Waldökologen der Organisation „Pralesy“ („Urwälder“) die Urwälder des Landes kartiert. Mittlerweile sind die Flächen umfassend geschützt und können über die Wanderwebsite „Mapy“ öffentlich gefunden und auf Wegen besucht werden.